Aus Suddas Logbuch: Wie viel brauchst du wirklich?

Eine Frage, die mich immer wieder mal beschäftigt, ist die Frage: „Wie viel brauchst du eigentlich wirklich?“ Das regelmäßig im Herbst, denn da werde ich mit echtem Luxus beschenkt – und das seit nunmehr 3 Jahren. Da das Luxusgefühl ein außerordentlich persönlich individuelles Gefühl ist, möchte ich ein wenig konkreter werden.

Hinweis für das persönliche Leser-Wohlbefinden:

Ich tendiere dazu, ausschweifender zu werden. Daher möchte ich den überaus fürsorglichen Rat vorbringen, sich gemütlich mit einer wärmenden Decke auf dem Sofa zu platzieren und ausreichend Flüssigkeit zur Lebenserhaltung bereit zu stellen. 

Und: ALLE Fotos in diesem Bericht – abgesehen von dem, auf dem mein Mann von hinten zu sehen ist – sind von ihm höchstselbst fotografiert. Ich bin immer wieder begeistert davon, was er ablichtet. 

So sieht unser Herbstluxus aus

Ich spreche von mindestens einer Woche im Herbst OHNE (!)

  • Strom
  • Zentralheizung
  • fließendes Wasser

Das Ganze im absoluten Nirgendwo…

Klingt nicht direkt spektakulär?

Das ist erst einmal die grobe Beschreibung, aber wenn man mal genauer darüber nachdenkt, fallen somit dort völlig alltägliche Dinge weg, wie:

  • Fernsehen, Radio, etc. pp
  • wärmende Heizkörper
  • elektrisches Licht
  • ein herkömmliches Spülbecken in der Küche
  • Spülmaschine, Waschmaschine bzw. alle weiteren elektrischen Helferlein (vom sonst so wichtigen Pürierstab bis hin zum „nutzichsogutwienie“ Fön)
  • ein Badezimmer inklusive Dusche, Wanne oder Toilette
  • uswusf (und so weiter und so fort)

Wo gibt es denn heute noch sowas?

In Lappland, dem schwedischen Teil – da ist er zu finden, mein persönlicher Luxus. Mein Onkel Bengt hat sich vor Jahren in seine wundervolle Frau Maggi verliebt und ist daher aus Südschweden nach Jokkmokk abgewandert.

Jokkmokk ist zunächst einmal eine Gemeinde ganz oben in Schweden – am Polarkreis. Auf einer Fläche von 19.334,4 km², was etwas mehr als die Hälfte der Größe von Nordrhein-Westfalen ist, leben nur rund 5.055 Menschen (in NRW 17.865.516) . Das entspricht 0,3 Einwohner pro km² – in NRW teilen sich übrigens 524 Einwohner einen einzigen km². Nicht vergessen, wir vergleichen hier jetzt gerade eine schwedische GEMEINDE mit einem deutschen BUNDESLAND!

Meine Tante und mein Onkel leben in der Nähe der Stadt Jokkmokk (jepp, die gibt es auch) und wenn man mal bedenkt, dass allein in dieser Stadt (alles ist so relativ!) von den in der gesamten Gemeinde lebenden „Jokkmokkianern“ bereits 2.786 leben, kann man sich vielleicht vorstellen, dass drumherum quasi ein großes Nichts ist – jedenfalls was die menschlichen Bewohner angeht.

Hinter den Bergen, noch Meilen vorbei an den sieben Zwergen…

… dort liegt das Wochenendhaus der beiden, eben mein Luxus, meine Oase. Der Ort konkret heißt Vuojat und um dorthin zu kommen, ist eine Fahrtstrecke von gut 65 km zu bewältigen.

Ja, es gibt eine Straße dorthin, aber auch das ist recht relativ – Bilder sagen mehr als Worte:

Wie viel brauchst du - die Straße nach Vuojat

Kurz gesagt: Solltest du etwas in Jokkmokk vergessen, wo auch das letzte Geschäft liegt, ist das reichlich dumm gelaufen.

Ich liebe es übrigens, auf dieser Straße zu fahren, was mir schon vor drei Jahren den Spitznamen Fjälli Pirelli eingebracht hat (ich hab damals auf dem Blog darüber berichtet)… Es ist sehr meditativ – quasi.

Das Haus selbst liegt direkt am See, was nicht nur ein optisches Highlight ist, sondern auch noch sehr praktisch, wie sich erwiesen hat.

Unvergessen beim ersten Besuch:

Ich stand mit meinem Onkel im ICA-Supermarkt in Jokkmokk und mir fiel auf einmal ein, dass wir ja noch etwas zu trinken haben müssten. Mein Onkel winkte ab: „Da ist jede Menge vor Ort!“. Okay, super!

Endlich dort angekommen überfiel mich der Durst und ich fragte nach Wasser. Mein Onkel wedelte mit der Hand Richtung See: „Da ist das Wasser!“

Ich war geschockt! WAS? Wasser aus einem See trinken?

Gut, ich sags mal so: Mir blieb nichts anderes übrig. Aber zunächst ließ ich den Mann trinken und als er sich nach zwei Stunden immer noch nicht am Boden wand und auch nicht verstorben war, war ich entspannt genug, ebenfalls das (übrigens unglaublich gute) Fjällwasser zu trinken…

Und ja: Un-ge-fil-tert!

Wie viel brauchst du - der Karatjsee

Haus am See, inklusive Trinkwasserversorgung

So, also einmal im Jahr sind wir dort zu zweit – nördlich von Nirgendwo quasi. Was ist daran jetzt – neben der Natur – das Besondere? Akzeptable Frage!

Mir ist noch ganz wichtig zu betonen, dass dieses Wochenendhaus erst vier Jahre alt ist – also auf dem relativ neuesten Wochenendhausstand. Was du wirklich brauchst, ist da – du musst das nur erst einmal in deinem verwöhnten Kopf begreifen!

Du willst…

… es warm haben?

Dann hast du zwei Möglichkeiten – am besten fährst du eine Kombi aus:

  • Zieh dich warm an! Und das ist keine Floskel. Zieh dich einfach mal warm an. An einem Artikel über die richtige Ausrüstung im höchsten Norden wird gerade gefeilt.
  • Mach ein Feuer im Ofen! Im Haus steht ein kleiner Bollerofen. Dazu muss natürlich brennbares Holz in gescheiter Größe vorliegen. Lange genug abgelagert war es, aber man brauchte a) Holzspalten zum Anzünden und b) noch kleineres, hoch brennbares Material zum ersten Entzünden. Wir haben gelernt, dass die Pelle (Rinde) von Birken dazu sehr, sehr gut geeignet ist. Und doch: Mach das erst einmal fertig!

… im Dunklen Licht haben?

  • Kerzen waren die Alternative.

Aber das Licht, das wir normalerweise gewöhnt sind, ist ein anderes – da sind wir uns wohl einig. Und die Kombination aus a) den ganzen Tag an der frischen Luft (Natur genießen), b) knackiger Ofenwärme und c) Kerzenlicht führt dazu, dass du dem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus ganz anders folgst. 21 Uhr? Ende Gelände – ein Gefühl wie mindestens Mitternacht!

… Entertainment?

Wenn die klassische Berieselung wegfällt, beginnt man automatisch damit, mehr zu lesen, einfach nur entspannt in die Landschaft zu schauen oder sich zu unterhalten. Stundenlang! Tagelang!

Du siehst mehr, du hörst mehr – du achtest mehr auf alles um dich herum. Gleichzeitig wird alles lockerer, geschmeidiger und vieles von dem, was einen Zuhause unendlich stresst, wird mit einem mal unglaublich egal.

Darüber hinaus ist die lappländische Landschaft einfach nur atemberaubend. Daher verbringt man unendlich Zeit in frischer Luft und genießt die pure Wohltat für die Augen. Wie hier zum Beispiel:

Wie viel brauchst du - es spiegelt sich im Wasser

Wie viel brauchst du - indian summer auf dem jarre

Wie viel brauchst du - krasse Landschaft

… warmes Wasser?

Die Wahl steht zwischen:

  • stell doch einfach den Pott mit Wasser auf den Ofen, und
  • ansonsten ist ein Gasherd da, auf dem du Wasser erwärmen kannst – allerdings solltest du darüber nachdenken, nicht zu viel wertvolles Gas zu verschwenden.

… spülen?

Es gibt ein rotes und ein weißes Plastikwännchen. Dann geht man wie folgt vor:

  1. Wärme ausreichend Wasser auf.
  2. Wische den groben Dreck zunächst in den Bio-Eimer
  3. In der roten Wanne wird vorgespült – ganz regulär mit Spüli etc.
  4. In der weißen Wanne wird klar abgespült

Fertig!

Ergänzung:

Das ist so nervig, dass man anfängt, jede Art von überflüssiger Geschirrverschwendung zu vermeiden! Kaffeetassen und Trinkgläser lassen sich z.B. spielend einen ganzen Tag verwenden. Eigentlich bin ich sehr, sehr „pickig“ was „sowas“ angeht – zweimal auf diese Weise gespült und es vergeht einem wie von Zauberhand, auf stets frische Utensilien zu bestehen! Und wieder: Wie viel brauchst du wirklich? Brauchst du all diesen Schnickschnack im Küchenschrank? Geht es nicht viel reduzierter? Doch. Glasklar. Das geht.

… aufs Klo?

Och, 20 m vom Haus steht ein recht neues Plumpsklo. Herzlich Willkommen!

Exkurs:

Eigentlich wollte ich das so stehen lassen, aber das geht nicht! ICH hab nämlich voll die Psychoblase. Muss ich Zuhause nachts nie, aber wirklich nie, „nochmal raus“, weiß ich ganz genau, dass meine Blase DORT jeweils gegen 03.30 Uhr darauf besteht. Und geh mal um diese Uhrzeit da raus – die einzige Geräusche sind dabei die des Windes und diverser Tiere, die wahlweise die Äste unter ihrem Schritt knacken lassen oder ein „Schuhuuu“ oder Ähnliches von sich geben… Moah! Da bin ich richtig Mädchen. Und die ersten Abende ist das die Pest.

… duschen? Dich waschen?

Es gibt kein Badezimmer. Wozu auch, es gibt ja kein fließendes Wasser. Es gibt im Haus natürlich für die tägliche Körperpflege altertümliche Waschschüsseln, die Zähne putzt man sich draußen mit dem eiskalten Seewasser aus. Aber manchmal muss es etwas mehr sein als die Katzenwäsche

Dafür gibt es eine Sauna (in Schweden heißt das übrigens bastu – „bastü“ ausgesprochen), die auf Pfählen steht und deren Boden aus Latten mit offenen Zwischenräumen besteht (dass kann man sich wie eine Holzdielenterrasse vorstellen), so dass das Wasser, was man in der Saune verspritzt, abfließen kann. Will man die Sauna nutzen, muss zuvor mit Holz eingeheizt werden, was gleichzeitig den am Ofen angebrachten Wassertank erhitzt – nachdem man das Wasser zuvor zunächst einmal vom See zum Ofen getragen hat.

Fazit: Alles, aber wirklich alles, bedarf mehr Vorarbeit als nur einen Schalter zu drücken oder einen Hahn oder Ventil zu öffnen.

Na toll, und wo ist da jetzt der Luxus?

All DAS – ja, ALL das – ist für mich Luxus.

Festzustellen, dass ich eben nicht viel brauche, um glücklich zu sein. Dass die Abwesenheit, der mich sonst umspülenden, überbordenden Einflüsse von außen, tiefe Entspannung über mich bringt. Auch das Wissen, dass ich es kann – ob nun Feuer machen oder mit einem Plumpsklo und ohne echtes Bad zu sein, etc. pp.

Zu spüren, wie gut es mir tut und dass ich mich genau damit wohlfühle. Alles reduziert sich auf das Wesentliche – bislang leider nur auf Zeit. Die Antwort auf die Frage Wie viel brauchst du wirklich? ist für uns: Definitiv nicht viel!

Zwei weitere Dinge machen unseren Luxus zusätzlich aus:

LCHF – Ernährung de luxe

Ja, es gibt diesen Supermarkt in Jokkmokk Stadt und dort gibt es natürlich das Standardsortiment. Ebenso gibt es den Nullachtfuffzehn-Imbiss, die klassische Pizzeria, den Kebab-Laden und zumindest ein Asia-Lokal – wie in fast jedem größeren Ort der Welt. Aber warum nutzen, wenn es dort oben Lebensmittel gibt, die wir hier nicht bekommen?

Mein Onkel und meine Tante haben Kontakte zu einem Sami, der die beiden mit Fleisch versorgt. Ansonsten fischen sie im See. Darum gibt es im Lappland-Urlaub bei uns ausschließlich Ren, Elch und fangfrischen Fisch.

Keine Spezialzucht, keine Ställe, keine Zäune, kein Sojafutter..

Wie viel brauchst du - Ein Rentier in freier Wildbahn

Das einzige, was wir zukaufen müssen, ist Gemüse und ein wenig Bacon und Eier, dazu Käse und Wurst (produziert in Jokkmokk), Butter und ein wenig Sahne. Wir halten es bewusst ganz schlicht, das gilt auch für die Gewürze – Salz und Pfeffer reichen aus und lassen dem Fleisch und Fisch seinen eigenen, köstlichen Geschmack. Es braucht nichts übertüncht zu werden…

Ebenso schlicht bevorzugen wir die Zubereitung der Mahlzeiten – vor allem am Abend, denn da essen wir unsere Hauptmahlzeit:

Wie viel brauchst du - Essenzubereitung auf offenem Feuer draußen

Meine Tante Maggi ist darüber hinaus eine Meisterin am Räucherofen – himmlischer als noch warmer, mit Wacholder heißgeräucherter, fangfrischer Barsch geht echt kaum.

Von der Ruhe in Watte gepackt!

Als wir die erste Reise planten, machte ich mir tatsächlich im Vorfeld ein wenig Sorge darum, wie ich damit klarkommen würde:

a) kein Internet zu haben (ich bin ja nun sehr viel im Internet – allein schon beruflich)

b) keinerlei Geräusche um mich zu haben, als die des Mannes und mir und der Natur

c) und überhaupt 24/7 mit dem Mann allein in der Wildnis allein zu sein

Die Sorge war absolut unbegründet!

Nachdem wir das Haus besichtigt und von meinem Onkel alle notwendigen Instruktionen erhalten hatte, setze ich mich – mit Onkel – auf die überdachte Veranda vor dem Haus und schaute über den See.

Ich schaute und schaute und schaute.

Und… unvermittelt… angeschlichen… nicht wirklich erklärbar… und unfassbar ermutigend… dachte ich auf einmal: NICHTS!

Ein riesiges, wohltuendes Nichts im Gehirn.

Aber jetzt konkret: Was hat das mit LCHF zu tun?

Auf den ersten Blick für den Laien vielleicht nicht so viel. Die meisten denken bei LCHF bzw. Low Carb High Fat in erster Linie an eine andere Form der Ernährung. Eben weniger Kohlenhydrate und mehr Fett.

Für mich – und das ist auch die Philosophie der Menschen rund bzw. hinter LCHF.de – ist es weit mehr als anders essen. Für uns ist es ein Lebensstil, zu dem neben natürlicher Ernährung auch der achtsame Umgang mit der Natur, die Entschleunigung des Lebens und die Qualität eine ganz große Rolle spielen. Das reicht weit über die Ernährung hinaus.

LCHF ist mehr als nur anders essen…

Sag, gibt es mehr Luxus? 

Für mich jedenfalls nicht. Und für meinen Mann auch nicht.

Wie viel brauchst du - Der Mann am Pärlälvsforsen, Jokkmokk

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