Kein Leben ohne Fett

Kommen wir mit Kein Leben ohne Fett zu Teil 2 unserer Serie über das Fett. Nachdem wir im ersten Teil erfahren haben, dass wir Fett nicht für die gesundheitlichen Probleme unserer Zeit verantwortlich machen können, soll es in Teil 2 darum gehen, weshalb wir Fette brauchen – warum Fett eben Freund und nicht Feind ist.

Meine persönliche Erfahrung

Wissen Sie, wie es mir ging, als ich begriff, dass ich die ganzen letzten Jahre in Sachen Fett einem Irrtum aufgesessen war? Ich fühlte mich betrogen. Betrogen um viele leckere Mahlzeiten. Ich finde Sahne toll und mit Butter verbindet mich eine lange Liebe. Aber über Jahre hab ich mir beides verkniffen. Oder wenn, dann habe ich es nur mit schlechtem Gewissen verwendet. Immer in dem Glauben, mir mit möglichst wenig Fett etwas Gutes zu tun.

Im ersten Teil schrieb ich etwas über eine Sprühflasche, mit der ich Öl in die Pfanne sprühte. Ja, diese Zeiten hat es tatsächlich gegeben. Mein Mann beschreibt sie gern als „die Tomatensoßenzeit“ – denn gefühlt wurde an jedes Gericht Tomatensoße gegeben. Statt Fett natürlich. Logisch, Tomaten sind schließlich sehr kalorienarm und enthalten dabei so gut wie kein Fett. Damit darf man verschwenderisch umgehen, so die Theorie dahinter.

Was ich damit sagen will – ich habe in den letzten Jahren wirklich viel probiert und meine Geschichte ähnelt diesbezüglich mit Sicherheit der Geschichte der meisten schwer übergewichtigen Menschen.

So unterschiedlich alle Diäten waren, die ich gemacht habe, sie hatten einen gemeinsamen Nenner: Fett sparen! Leider blieb es nicht bei dieser Gemeinsamkeit. Nach jeder dieser Diäten und der anschließenden Rückkehr zu alten Gewohnheiten wurde ich dicker und kränker.

Kein Leben ohne Fett

Kein Leben ohne Fett

Mit LCHF erlebte ich zum ersten Mal, was es heißt, zufrieden und satt durch den Tag zu gehen. Ich habe auf diese Weise viele Kilos verloren, ohne auch nur einen einzigen Moment zu hungern. Und zu 95% der Zeit habe ich nicht das Gefühl, auf etwas zu verzichten, obschon die Liste an Lebensmitteln, die ich nicht zu mir nehme nicht eben kurz ist. ABER – die Liste an Lebensmitteln, die ich inzwischen genieße, ist länger, und durch das zugefügte Fett schmeckt alles gleich viel besser.

Und damit sind wir auch schon bei einem wichtigen Punkt:

Fett wirkt geschmacksverstärkend

Viele Aromen entfalten sich erst durch die Zugabe von Fett! Darum schmeckt fettarmes Essen oft fad und genau aus diesem Grund greift die Lebensmittelindustrie bei Light-Produkten so großzügig zu Zucker und Geschmacksverstärkern, in der Hoffnung, wenigstens etwas Geschmack ans Essen zu bekommen. So werden Fertigprodukte oft zu Zuckerbomben. Ganz zu schweigen davon, dass die Zusatzstoffe immer mehr Menschen erhebliche gesundheitliche Probleme bereiten. Probleme mit dem Darm können z.B. eine Folge davon sein.

Genau das ist übrigens auch der Grund, warum wir bei LCHF so viel Wert auf unverarbeitete Lebensmittel legen und am liebsten frisch kochen! Fett führt dazu, dass die Aromen verschiedener Lebensmittel untereinander eine Symbiose eingehen und uns dadurch immer wieder neu tolle Geschmackserlebnisse beschert werden.

Ob Fett womöglich der neue sechste Bereich unseres Geschmackssinns ist?

Süß, sauer, salzig und bitter kennen wir bereits. Auch umami, womit wir die Aminosäure Glutamin schmecken, ist inzwischen bekannt. Könnte Fett bald als sechstes eingereiht werden?

Auf unserer Zunge befinden sich etwa 2.000 Geschmacksknospen und jede davon hat bis zu 100 Sinneszellen, die die verschiedenen Geschmacksrichtungen erkennen und entsprechende Signale weitergeben! [1] Für alles, was wir schmecken, werden sofort die passenden Verdauungssäfte bereitgestellt. Daran ist nicht nur die Zunge beteiligt. Ein spannendes Thema, das an dieser Stelle aber zu weit führen würde.

Fett macht zufrieden

Wie ist es nun mit dem Fett? Forscher sind sich uneinig, ob man Fett an sich schmecken kann, oder ob es die durch das Fett gelösten Aromen sind, die wir wahrnehmen. Auch hat Fett eine ganz eigene Textur, die wir natürlich als solche auf der Zunge wahrnehmen und entsprechend die Information weiter verarbeiten. So oder so bleibt es dabei, dass uns eine fettreiche Mahlzeit schmeckt. Und wenn uns etwas gut schmeckt, macht uns das zufrieden, OHNE dabei die Sucht nach immer mehr auszulösen. Die Zufriedenheit führt somit dazu, dass wir insgesamt weniger essen!

Gerade der zuletzt genannte Punkt ist aus meiner Sicht etwas ziemlich gemeines an Light-Produkten. Dort wird nämlich mit Ersatzstoffen gearbeitet, die in ihrer Textur zunächst wie Fett wirken. Dem Körper wird also signalisiert es käme Fett, dabei kommt keines! Das macht uns erst recht unzufrieden und die Lust auf die nächste Mahlzeit wird größer. Der zugefügte Zucker tut sein übriges und wir bleiben gefangen in der Heißhungerspirale.

Exkurs zum Thema Fertiggerichte

Natürlich kann man in Sachen Fettleibigkeit und metabolischem Syndrom nicht allein die Lebensmittelindustrie verantwortlich machen. Immerhin sind wir mündige Verbraucher, die selbst über das entscheiden was gegessen wird. Jedoch – die Lebensmittelindustrie versteht es uns zu manipulieren.

Forschungen werden bspw. dahingehend genutzt, Produkte attraktiver zu machen. Es gibt Tests, die einzig und allein dafür angelegt sind, herauszufinden, wie ein Produkt noch mehr Glücksgefühle auslöst, und damit die Gier nach immer mehr erhalten bleibt. Dabei stehen die Zutaten Fett (und Fettersatz), Salz und Zucker im Vordergrund.

Michael Moss und die Nahrungsmittelindustrie

Im Buch „Das Salz-Fett-Zucker-Komplott“ schreibt Michael Moss von den Machenschaften der Nahrungsmittelindustrie. Schon 1999 gab es innerhalb der Branche von Experten - ob der zunehmenden Fettleibigkeit der Bevölkerung - die Warnung an die CEOs der führenden Konzerne, dass es der Lebensmittelindustrie bald ähnlich ergehen könne wie der Tabakindustrie: verklagt und an den Pranger gestellt. Man warb für ein Umdenken in der Herstellung von Fertigprodukten, Süßwaren, Frühstücksflocken etc. Diese Warnung jedoch wurde in den Wind geschlagen. Zu verlockend war der hohe Gewinn, der sich mit ihren Fett-Salz-Zucker Produkten machen ließ.

Bei einem Treffen wurde einigen Konzernchefs die alarmierende Entwicklung in der Bevölkerung aufgezeigt: Fettleibigkeit und das metabolische Syndrom waren auf dem Vormarsch.

Auch der BMI kam zur Sprache, und wie dramatisch die Entwicklung war. Die Manager wurden gebeten, ihren eigenen BMI auszurechnen: „in dieser Hinsicht konnten sich die meisten Männer im Raum entspannt zurücklehnen. Sie hatten persönliche Trainer, gingen ins Fitnessstudio und wussten genug über Ernährung, um den regelmäßigen Konsum der von ihnen hergestellten Produkte zu vermeiden“ [2]

Fett macht uns nicht nur zufriedener weil es uns schmeckt. Sondern auch, weil wir dadurch mehr Nährstoffe zu uns nehmen, denn:

Fett löst Vitamine

Die alte Weisheit, in einen Möhrensalat einen Schuss Öl zu geben, ergab für mich in dem Moment einen Sinn, als mir klar wurde, dass einige Vitamine fettlöslich sind! Vitamin A, D, E und K um genau zu sein. Würde man den Möhrensalat ohne Fett genießen, käme man nicht in den Genuss der in den Möhren enthaltenen Vitamine A und E.

In dieser Hinsicht ist beispielsweise Lachs ein geniales Lebensmittel: es liefert als Kaltwasserfisch Vitamin D und hat gleichzeitig einen hohen Fettgehalt. Perfekt!

Übrigens ist es über die Nahrung allein nicht möglich, einen akzeptablen Vitamin D Spiegel aufzubauen bzw. aufrecht zu erhalten. Wer aber wenig Zeit in der Sonne verbringt (die unser wichtigster Lieferant von Vitamin D ist, sofern wir die dafür nötige UV-B Strahlung nicht durch Kleidung oder Sonnenschutzmittel von unserer Haut fernhalten) und keine Vitamin D Präparate zusätzlich nehmen möchte, dem seien fettige Kaltwasserfische besonders ans Herz gelegt!

Fisch ist aber für uns alle gut. Und das nicht nur wegen des Vitamin D Gehalts, sondern auch wegen der reichlich enthaltenen Omega 3 Fettsäuren – aber davon später mehr.

Fett hält uns am Leben

Ohne Fett wären wir nichts! Wir würden zu einer Pfütze zerfließen und in der Sonne vertrocknen. Fett gehört zu den Grundbausteinen jeder Zelle. Ohne Fett – kein menschliches Leben!

Haben Sie schon einmal versucht, Fett und Wasser zu mischen? Das gelingt nicht, weil Fett hydrophob ist. Das heißt, Fett ist eine Barriere für Wasser. Der Clou: alle unsere Zellen sind mit einer Schicht aus Fett und Cholesterin umhüllt. Und weil das so ist, behalten sie die Form und geben unserem Körper Festigkeit und Stabilität.

Fett ist ein Grundbaustein verschiedenster Hormone, darunter auch Cholesterin. Ja genau, eben jenes „böse“ Cholesterin! Denn egal wie sehr es in den letzten Jahrzehnten in die Kritik geraten ist, so sehr benötigen wir es!

Zum Beispiel könnte das Sonnenlicht ohne die Hilfe von Cholesterin nicht in Vitamin D umgewandelt werden. Zudem ist Cholesterin ein sehr wichtiger Baustein für die Hormone Cortisol, Östrogen und Testosteron. [3]

Aber nicht nur das, denn die Fett- und Cholesterinhülle um die Zellen ermöglicht die Kommunikation der Zellen untereinander. Neurotransmitter benötigen Cholesterin - in dieser Hinsicht ist Fett auch gut fürs Gehirn!

An dieser Stelle muss ich eine kleine Anekdote zum Besten geben

Vor kurzem saß ich meinem Hausarzt gegenüber und wir studierten gemeinsam die Ergebnisse meiner letzten Blutuntersuchung. Mir fiel auf, dass er Cholesterin und Triglyzeride nicht hatte bestimmen lassen und frug ihn danach. Seine Antwort: „was interessiert Sie denn der Cholesterinwert? Mich interessiert er nur, wenn er zu niedrig ist…“

Recht hat er, auch wenn natürlich ein massiv zu hoher Cholesterin bei gleichzeitiger Erhöhung der LDL-Partikel und schwachem HDL tatsächlich ein Problem ist. Das jedoch passiert nicht unter einer Ernährung wie LCHF (und da mein Arzt weiß, wie ich mich ernähre, hat er auch keine Sorge, dass meine Cholesterinwerte irgendwie auffällig sein könnten), sondern unter einer kohlenhydratreichen Ernährung in Kombination mit schlechten Fetten.

Fett ist wichtig für unser Gehirn

Ja, auch unser Gehirn ist auf Fett angewiesen!

Ulrike Gonder erklärt: „Unser Oberstübchen ist eine fettreiche Angelegenheit: Seine Trockenmasse besteht zu rund 60% aus Fett und Cholesterin! Nur 30 Prozent entfallen auf Proteine und gerade mal 10 Prozent auf Kohlenhydrate.“ [4]

Was liegt da näher, als unserem Gehirn ausreichend gute Fette zur Verfügung zu stellen!

Welche Fette gut für unser Gehirn sind, und welche Rolle dabei auch die mittelkettigen Fettsäuren aus z.B. Kokosöl spielen, damit beschäftigen wir uns in Teil 3 der Serie.

Fett ist Energieträger und Speicher

Natürlich kann man nicht leugnen, dass ein Zuviel an Fett ungünstig für uns ist. Besonders wenn viel Fett auf viele Kohlenhydrate trifft. Denn dann passiert folgendes: zur Energiegewinnung wird zunächst die Glucose verbraucht, weil dies der einfachere Weg zur Power ist. Zirkuliert viel Glucose aus Kohlenhydraten im Blut, ist der Energiebedarf weitestgehend gedeckt. Was passiert dann mit dem Fett in der Nahrung? Genau, es wird für schlechte Zeiten eingelagert, wir nehmen zu.

Dabei ist das Einlagern von Fett etwas höchst Sinnvolles! In Notzeiten können wir darauf zurückgreifen und auch längere Fasten- und Hungerzeiten überstehen. Das Wort „Rettungsring“ in Zusammenhang mit ein paar Pfunden zu viel auf den Hüften, bekommt unter diesem Aspekt eine völlig neue Bedeutung.

Warum das so ist?

Weil wir in der Lage sind, unseren Energiebedarf zu einem hohen Anteil aus Fett zu decken. Das erreichen wir durch den Zustand der Ketose. Ketonkörper versorgen uns zuverlässig mit gleichbleibender Energie. Es gibt wenige Organe, die zwingend auf Glucose angewiesen sind, diese machen jedoch nur einen kleinen Prozentsatz aus. Mittels der Gluconeogenese, einem genialen Mechanismus der in unserer Leber abläuft, werden Eiweiß und Fett zu Glucose umgewandelt und die auf Glucose angewiesenen Organe somit versorgt.

Wer mehr wissen möchte über den Stoffwechselzustand der Ketose, dem sei dieser Artikel von Marina Lommel empfohlen.

Fett ist teilweise essentiell

Nachdem wir uns jetzt lange mit den positiven Eigenschaften von Fett beschäftigt haben, taucht automatisch die Frage auf, welche Fette denn nun gut für uns sind. Und in welchen Mengen werden sie benötigt?

Ein logisches Resultat aus den oben aufgeführten Punkten ist doch, dass wir auf zwei Baustoffe in unserer Nahrung angewiesen sind: auf Fett und auf Protein. Kohlenhydrate sind zum Überleben nicht nötig; dennoch sollten wir natürlich Kohlenhydrate in Form von Gemüse zu uns nehmen, damit nicht an anderer Stelle eine Mangelversorgung droht.

Unser Körper, das Wunderding, ist in der Lage, wichtige Fettsäuren selbst zu bilden, sofern genügend Körperfett oder Nahrungsfett zur Verfügung steht. Nur die Fettsäuren aus Omega 3 und Omega 6 müssen wir zwingend über die Nahrung aufnehmen.

Wie das funktioniert, und welche Fettsäuren „Freund und nicht Feind“ sind – darum wird es in Teil 3 unserer Serie über Fett gehen. Soviel sei jedoch schon verraten: wenn Sie sich an die Empfehlungen von LCHF halten, sind Sie auf der sicheren Seite und werden optimal mit allen Nährstoffen und eben auch Fetten versorgt!

Quellen zum Text

[1] Ulrike Gonder und Nicolai Worm, „Mehr Fett!“, systemed 2010 2. Auflage, S. 42

[2] Michael Moss „Das Salz-Zucker-Fett-Komplott“, Ludwig Buchverlag, 2014,  S. 19

[3] Sarah Ballantayne, „Die Paläo Therapie“, Riva 2016, S. 74

[4] Ulrike Gonder, „Kokosöl (nicht nur) fürs Hirn“, Systemed Verlag, 6. Auflage 2016, S. 11

Kein Leben ohne Fett - Foto von Anne Paschmann

Anne is(s)t seit Mai 2015 LCHF - jedenfalls ist sie seitdem unter dem Namen "Kap" im LCHF-Forum angemeldet und eins unserer wertvollen Forenmitglieder, die sich tagtäglich gegenseitig liebevoll unterstützen und das Forum gemeinsam zu einem Ort machen, an dem man sich gerne aufhält. Seit November 2016 ist sie sogar als Moderatorin im Forum an unserer Seite.

Anne kann darüber hinaus wundervoll schreiben, ihre Gedanken auffällig klar und mit Herz auf Papier bzw. die Webseite bringen und unterstützt LCHF.de mit ihren interessanten Texten.

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